Das Joshua Bell Experiment oder wie uns unsere Vorannahmen begrenzen

Heute Morgen begegnete mir wieder ein Video über das Joshua Bell Experiment. Ein Journalist der Washington Post wollte herausfinden, ob der berühmteste Geiger der Welt auch dann erkannt wird, wenn er inkognito auftritt.

In Straßenkleidung und mit einer Baseballmütze auf dem Kopf, stellte sich der Geiger eines Januarmorgens zur Rushhour in eine U-Bahn-Station in Washington D.C.

Mit seiner 3,5 Millionen Dollar teuren Stradivari spielte er eine dreiviertel Stunde lang die schwersten Musikstück von Bach, Schubert und andere Komponisten.

Das Experiment wurde mit einer versteckten Kamera aufgezeichnet. In dieser Zeit, sind 1.097 Personen an ihm vorbeigelaufen. Nur 7 blieben stehen. Nur eine Frau hatte ihn erkannt. Einige warfen ihm im Vorbeigehen Geld in den offenen Geigenkasten – insgesamt etwa 32 Dollar.

Der Journalist Gene Weingarten hatte für das Experiment und den Artikel daraus 2008 den Pulitzer-Preis erhalten.

Das Experiment kann uns sehr viel über uns selbst und über unsere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit verraten. Wie oft rennen wir durch die Welt und nehmen die Dinge, die um uns herum geschehen überhaupt nicht mehr wahr?

Eine Woche vorher spielte Joshua Bell, die gleiche Musik in einem Konzert in Boston. Der Eintrittspreis betrug durchschnittlich 100 Dollar pro Sitzplatz.

Für mich steckt in diesem Experiment aber noch wesentlich mehr, als nur eine Schulung der Achtsamkeit.

Erkennen wir überhaupt Talent und Fähigkeiten von Menschen, wenn sie uns an einem unerwarteten Ort begegnet? In unerwarteter Kleidung und Aufmachung? Welche Rolle spielt unsere eigene Erwartungshaltung beim Erkennen und Einsortieren von Möglichkeiten?

In meinem vorherigen Artikel über Frames beschrieb ich, wie Worte unsere Wahrnehmung und unser Empfinden beeinflussen. Diese Erkenntnisse können wir auch auf dieses Experiment übertragen. Was wir nicht gelernt haben, zu sehen, werden wir nicht erkennen. Was wir an einem bestimmten Ort nicht erwarten, ebenso wenig.

Unser Gehirn, wird die dazu notwendigen Schaltkreise nicht aktivieren. Wir wählen aus einer Fülle unserer Wahrnehmung nur einen minimalen Anteil heraus und diesen minimalen Anteil werden wir einer Bewertung unterziehen, die dem priorisierten Kontext entspricht. Genauso sortieren wir in Sekundenschnelle Informationen als unwichtig oder beachtenswert – je nachdem in welcher Situation wir uns gerade befinden.

Im Umgang mit Menschen – und gerade in Führungsrollen (wie auch immer diese geartet sind) – ist es wichtig, dass wir uns solcher Mechanismen bewusst werden und beginnen, unsere eigene Wahrnehmung und Bewertungsrahmen zu schulen.

 

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