Die neuen Dogmen und der Verlust der Vielfalt

„Soll ich meine drei Kinder im Lebenslauf angeben? Was meinen Sie?“ fragte mich kürzlich eine Klientin. Das sind manchmal Fragen, die mich nur staunen lassen. Gefragt scheint nicht mehr das was ist, sondern das was erwünscht ist. Es wird mehr und mehr begonnen, genau das heraus zu stellen, was im Trend der Anforderungen liegt. Sind Kinder erwünscht, werden sie erwähnt, sind sie nicht erwünscht, werden sie verschwiegen. Ist Teamfähigkeit gefordert, beschreibt man sich als teamfähig, auch dann wenn man eher der Eigenbrötler ist, der sehr gut alleine für sich arbeiten kann.

Wir wollen damit dem sozialen Druck der Ablehnung entgehen und uns gewünschtem Verhalten anpassen. Soziale Erwünschtheit nennt sich das im Fachbegriff.

„Ich suche die richtigen Worte und schnell erlernbare Tools“ auch damit wurde ich vor einiger Zeit von einer „Führungstrainerin“ konfrontiert. Genau das war ihr Anspruch an das Training, das sie bei mir gebucht hatte: Genau die Worte zu finden, auf die die Menschen wie gewünscht (im Sinne der Firma) reagieren. Genau die Tools zu finden, die rasch umsetzbar sind und Veränderungen in Gang setzen. Das ist ein Denken, das den Umgang mit sozialen Systemen jedoch eher erschwert als begünstigt. Menschen sind etwas komplexer als eine Nähmaschine. Das einfache und schnelle funktioniert nicht. Wird aber im Business immer noch gesucht. Tagaus, tagein wird sich mit der Optimierung von Geschäftsprozessen beschäftigt. Und leider viel zu oft in der Trainingsbranche zunehmend auch noch gepredigt.

Ich bin nun seit mehr als 20 Jahren in dem Trainingsmarkt unterwegs. Doch was sich auf diesem Markt in den letzten Jahren tut, ist haarsträubend. Die neuen Modeworte wie: Agilität, Disruption, CSR, VUCA aber auch Wertschätzung, Wertschöpfung, Emotionale Kompetenz und ähnliches – groß auf die Fahnen geschrieben, doch wenig gelebt.

Auf den Webseiten der Branche herrscht verbal und bildlich der gleiche Einheitsbrei. Geredet wird das, was momentan am Markt hipp ist. Doch ist es auch mit Inhalt gefüllt? Wird wirklich gelebt, was gepredigt wird? Sind die Themen denn wirklich schon bei den betreffenden Trainern angekommen? Oder bedient man sich nur der entsprechenden Modeworte.

Ein Trainerkollege schrieb kürzlich in den sozialen Netzwerken „Es ist erstaunlich, wieviele inzwischen Unternehmens- und Personalentwicklung, Personal Branding, Positionierung etc anbieten, die kaum Erfahrung haben. Ja, vor zwei Jahren noch nicht einmal wussten wie die Praxis aussieht“.  Das trifft den Kern. Gestern, Verkäufer im Einzelhandel, heute Coach für Authentizität und Entwicklung, morgen Verkäufer von Nahrungsergänzungsmitteln. Gestern Webdesigner, dann Trainer für Agilität und Kommunikation. Es ist hipp, es ist IN, es wird gemacht.

Skalierbare Programme, das neue Konzept – klingt gut. In der Betriebswirtschaftslehre dient der Begriff „Skalierbarkeit“ ganz allgemein zur Bezeichnung der Expansionsfähigkeit eines Geschäftsmodells durch Kapazitätsausweitung zur Erreichung höherer Profitabilität. Interessant für Investoren ist insbesondere die Skalierbarkeit von Geschäftsmodellen ohne zusätzliche Investitionen. Skalierbar ist jedoch nur etwas, was schnell zu lernen und leicht zu vermarkten ist. Also wird der Markt mit entsprechenden Angeboten überflutet. Industrielle Produkte sozusagen: „Beseitige den Stress in 10 Tagen“ – ein kurzer Vortrag, mehrere Videosequenzen und Emaillektionen, bequem von daheim, die Trainer schnell angelernt – ein reines Vertriebskonzept.

Bedient wird alles, was gerade modern ist.

Skalierbar, multiplizierbar, die schnelle und einfache Antwort.

Wirkliche Disruption, wirkliche Agilität, wirkliche Wertschätzung, das sind jedoch ganz andere Kulturen. Sie bedeuten eine Denkradikalität.

Agilität bedeutet eine unabhängige geistige Selbständigkeit. Disruption entsteht immer dann, wenn alte Systeme träge, selbstgerecht und zukunftsblind werden. Um das Wesen der Disruption zu verstehen, ist es nützlich, die Gesetze der Evolution zu kennen. Evolution findet nur durch permanente Störung statt. Das bedeutet für komplexe Organismen einen trainierten Umgang mit Störungen, Konflikten und Krisen.

Genau das ist jedoch das genaue Gegenteil von skalierungsfähigen, einfach trainierbaren Programmen, die dann auch noch als Agilitätstrainings verkauft werden.

Agilität von der Stange sozusagen.

Menschen lernen jedoch nicht über Appelle. Kulturen verändern sich nicht über schnell vermittelte Einsichten. Deiner Amygdala ist es wurscht, ob du das Problem verstehst.

Ein wirkliches Agilitätstraining begleitet Menschen durch schwierige Situationen. Das setzt eine wirkliche Flexibilität des Trainers voraus. Eine innere Standfestigkeit, viel Liebe und ein Kennen der eigenen Baustellen.

Was uns momentan als Agilität verkauft wird, ist eher Einheitsbrei. Die Bilder gleich. Die Webseiten gleich. Die Botschaften gleich.

In seinem Buch „Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“

beschreibt Thomas Bauer, genau diese Effekte. Vorgespielt wird uns eine Vielfalt auf dem Weg zum Maschinenmenschen.

Ja, es bedarf großen Mut, sich als Trainer wirklich zu entwickeln. Sich der eigenen Disruption auszusetzen. Ambiguitäten auszuhalten. Aber genau das ist der Schlüssel, Menschen in genau diesen Prozessen auch begleiten zu können. Disruption und Agilität funktionieren nur mit Menschen, die das auch leben können. Die bei sich selbst angekommen sind und nicht nur so tun als ob. Menschen die sich wirklich einlassen können.

Mehr Sein und weniger Schein. Mehr Echtheit und weniger Show.

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