Dysfunktionale Familien – Es nährt sich die Familie vom Leid

borgward-hansa-2161701_1920

Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit

Karl Kraus

Selbst wenn eine Familiendynamik nach außen „gut“ oder „normal“ aussieht, können die verdeckten, emotionalen Dynamiken viel Schaden anrichten. Dysfunktionale Familien lassen sich nicht an der äußeren Fassade erkennen, die kann oft sehr harmonisch sein.

Wenn du als Erwachsener jedoch

  • Dazu neigst, es allen recht machen zu wollen
  • Ein großes Bedürfnis nach Anerkennung von außen hast
  • Dazu neigst, immer wieder für andere die Verantwortung zu übernehmen und diese zu bemuttern
  • Ständig perfekt sein möchtest
  • Nie wirklich zufrieden bist
  • Angst vor Kontrollverlust hast
  • Unter einem mangelnden Selbstwertgefühl leidest
  • Dem Erfolg nachjagst
  • Ständig gestresst bist und dich für alles verantwortlich fühlst
  • Ein Gefühl von Unzulänglichkeit, Machtlosigkeit und Hilflosigkeit hast
  • Abhängig von anderen Menschen und deren Zuneigung bist
  • Nicht wirklich mit dir allein sein kannst
  • Schwierigkeiten hast, deine Gefühle wahrzunehmen und angemessen auszudrücken
  • Schwierigkeiten hast, dich abzugrenzen und Nein zu sagen
  • Gar nicht recht weiß, wer du eigentlich selbst bist und was du willst………

……dann lohnt es sich durchaus das eigene Familiensystem zu hinterfragen. Viele dieser Aussagen, stammen von Klienten, die in dysfunktionalen Familien aufgewachsen sind.

Auch die beiden Autoren Stephanie Donaldson-Pressman und Robert M. Pressman (Narcissistic Family: Diagnosis and Treatment) stellten bei ihrer Arbeit fest, dass viele ihre Patienten ähnliche Merkmale wie erwachsene Kinder von Alkoholikern hatten. Diese aber ohne jeglichen Hinweis auf Alkoholmissbrauch der Eltern. Ebenso wenig erinnerten sich ihre Patienten an irgendeine offenkundige Misshandlung als Kind. Und dennoch zeigten diese Patienten die dysfunktionalen, psychologischen, zwischenmenschlichen Merkmale von Überlebenden eines Missbrauchs. Was all diesen Patienten jedoch gemeinsam war, waren typische Anzeichen dysfunktionaler Familienstrukturen.

baby-2717347_1920Ein wesentliches Ziel für Familien besteht darin, gesunde Kinder aufzuziehen, die eines Tages unabhängige Erwachsene werden. In einer gesunden Familie gelingt es den Eltern, dieser Aufgabe gerecht zu werden, indem sie die Verantwortung für die emotionalen und körperlichen Bedürfnisse ihrer Kinder übernehmen. In Laufe der Zeit lehren Eltern dann nach und nach ihre Kinder unabhängiger zu werden, in dem sie diesen erlauben, die Verantwortung für ihre eigenen Bedürfnisse in der der jeweiligen Entwicklung des Kindes angemessenen Art zu übernehmen. In dieser Zeit lernen die Kinder Empfindungen, Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und entsprechend zu handeln. Die Eltern kümmern sich um ihre eigenen Bedürfnisse und suchen bei Erwachsenen nach Hilfe.

In dysfunktionalen Familien wird dieses wesentliche Ziel verdreht und die Erfüllung der elterlichen Bedürfnisse erlangen höchste Wichtigkeit in der Familie:

Liebe und wirkliche Akzeptanz existieren nicht

Es gibt in der Familie eine Art „Wenn-Dann-Liebe“. Kinder erfahren sehr früh, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist

  • „Wenn du das machst, hat Mama dich nicht mehr lieb“
  • „Wenn du unseren Erwartungen folgst, dann lieben und unterstützen wir dich“
  • „Sei ein braves Kind, damit Mama dich lieb haben kann“
  • „Mach uns stolz“

Daraus bilden sich unbewusste Glaubenssätze, dass Liebe etwas ist, das man sich verdienen muss und ein tiefer Glaube, selbst nicht liebenswert zu sein, so wie man ist

Persönliche Grenzen werden überschritten

Das Eigentum und die Privatsphäre des Kindes werden nicht wirklich respektiert. Ebenso wenig wird auf die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes eingegangen. Das Kind wird aufgefordert, seinen eigenen Grenzen zu überschreiten und auf die Bedürfnisse und Wünsche anderer einzugehen.

desert-279862_1920Die Familie ist eine emotionale Wüste

Wirkliche Wärme, Nähe, Liebe, emotionales Verständnis und Anerkennung sind Mangelware in der Familie. Im Gegenzug wird mit Kritik, Verspottung, negativen Vergleichen mit anderen und Abwertung nicht gespart

Die Verhältnisse stehen Kopf

In dysfunktionalen Beziehungen findet einen Rollenumkehrung statt, denn die Eltern sind nicht für das Kind da, sondern das Kind für die Eltern. Dies passiert insbesondere dann, wenn die Eltern abhängig sind (von was auch immer – Alkohol oder dem Partner), krank oder überlastet. In diesen Fällen ist das Kind genötigt, die Elternrolle zu übernehmen und kann sich auch später als Erwachsener nicht wirklich von seinen Eltern lösen. Ebenso hoffen solche Kinder als spätere Erwachsene immer noch darauf, die Mama, oder den Papa den es gebraucht hätte, doch noch eines Tages zu finden. Ein Anspruch, der gerne auf den Partner übertragen wird.

Auch wenn der Vater ständig abwesend ist, viel arbeitet, fremd geht, sich nur um seine eigenen Bedürfnisse kümmert. Die Mutter still leidet, schluckt und dient. Ihre eigene Sehnsucht projiziert sie in den Sohn und macht ihn zu ihrem Ersatzpartner. Auf die spätere Beziehungsgestaltung des Sohnes wird sich dies negativ auswirken. Eine wirklich erwachsene Partnerin wird diese leidende und schluckende Rolle nicht übernehmen. Der Sohn sucht weiter nach Frauen, die dem Bild der Mutter entsprechen, während er das Verhalten des Vaters kopiert. Eine wirkliche Entwicklung wird ohne erkennen der Dynamiken dahinter, für ihn kaum möglich sein.

Die Eltern sind kein Vorbild

Eltern die aufgrund von Selbstentfremdung und eigenen inneren ungelösten Konflikten nicht in der Lage sind, selbst ein erfülltes Leben zu leben, ihren Kindern aber einerseits Botschaften dieser Wünsche mitteilen, andererseits etwas ganz anderes vorleben, werden ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht.

Die eigentlichen Erziehungsbotschaften „Kind tu dies…….tu jenes“ machen etwa nur 10 Prozent der Prägung aus. Das was den Kindern vorgelebt wird prägt jedoch zu 90 Prozent. Denn Kinder lernen im Wesentlichen durch Beobachten und Nachmachen. Sie übernehmen unbewusst die Verhaltensweisen und Gedankenmuster der Eltern und kreieren sich so in der Zukunft ein ähnliches oder identisches Leben. Selbst wenn sie nie so werden wollten, wie ihre Eltern.

Starkes Machtgefälle und geringe Kommunikation

In dysfunktionalen Familien ist ein Elternteil meist autoritär und der Partner untertänig oder abhängig. Dabei handelt es sich meist um eine emotionale Abhängigkeit und Angst vor dem „auf sich selbst gestellt sein“. Während das Familienoberhaupt sich gestattet, seine Launen auszuleben, wird das den anderen Familienmitgliedern untersagt.

Auch findet keine offene und klare Kommunikation zur Konfliktlösung statt. Meinungsverschiedenheiten eskalieren in Streit. Probleme werden ignoriert, verdrängt oder ausgesessen. Auseinandersetzungen können zu tagelangem oder gar jahrelangem Schweigen führen.

 

Der Schlüssel sich aus den Erfahrungen dysfunktionaler Familien zu erholen ist erst einmal die Akzeptanz. Die eigene Kindheit zu akzeptieren und die Auswirkungen, welche die Erfahrungen auf die eigene Entwicklung hatten. Das bedeutet jedoch nicht, von nun an die Schuld bei den Eltern zu suchen – auch diese haben nur weiter gegeben, was sie selbst gelernt hatten, sondern die eigene Lebenswirklichkeit zu akzeptieren und anzuerkennen. Als zweiten Schritt können wir dann anfangen zu überdenken was dennoch positives daraus gelernt wurde um dann die eigene Verantwortung für den Wandel von eigenen dysfunktionalen Verhaltensweisen zu funktionalen Verhaltensweisen zu lernen.

 

Leave A Reply

Zur Werkzeugleiste springen