Emotional stark

Im Zeitalter des Taylorismus wurde den Emotionen wenig Beachtung geschenkt. Herrschende Meinung war, dass man Menschen ebenso steuern könnte, wie Maschinen, man müsse nur entsprechend gut anweisen und kontrollieren. In meinem Beitrag über die Kommunikation hatte ich schon einiges dazu geschrieben, dass auch das typische Sender – Empfänger- Modell ein Trugschluss ist. Um Kommunikation jedoch als einen Prozess zu verstehen und diese Prozesse steuern zu können, dafür braucht es ein erhebliches Maß an emotionalem Bewusstsein. Und da jede Veränderung erst einmal bei sich selbst beginnt, so ist diese Arbeit zunächst an sich selbst zu leisten. Je bewusster wir in unseren eigenen Emotionen werden, desto besser können wir mit anderen Menschen Kommunikation, Veränderung, Führung gestalten.

    Um von anderen verstanden zu werden, muss man den anderen verstehen. Um den anderen zu verstehen, muss man zuvor sich selbst verstehen.

    Paul Watzlawick

Emotionale Bewusstheit ist eine der Hauptaufgaben in der Vermittlung von Führungsfähigkeiten oder Ausbildungen zum Coach und Trainer. Sie ist der Schlüssel zu einer persönlichen Macht. Denn Gefühle als solche sind machtvoll. Lässt man Gefühle für sich arbeiten, statt gegen sie zu kämpfen, werden sie einem Kraft verleihen und eine Begegnung von Mensch zu Mensch ermöglichen. Genau das ermöglicht es, zu sagen, was man wirklich will, sich einzugestehen was in einem vor sich geht und sich aus vollem Herzen sich auf etwas einzulassen – egal ob es sich dabei um Menschen, Veränderungen oder Prozesse handelt. Eine wirkliche emotionale Bewusstheit macht echt und authentisch. Es wird nicht mehr die eigene Baustelle auf den anderen projiziert, es gibt keine Abhängigkeiten mehr von äußeren Begleiterscheinungen wie sie in einem hierarchischen Weltbild noch gerne gelebt werden.

Sich seiner eigenen Emotionen bewusst sein, ermöglicht ein agieren, statt regelmäßig nur zu reagieren. Reaktionen sind immer vergangenheitsbezogen. Hochemotionale Reaktionen unverarbeitete Prozesse und alte Wunden, die aus der Vergangenheit sichtbar werden.

Was aber steckt nun in unseren Emotionen und wie sind die Stufen einer Emotionalen Bewusstheit?

Emotionale BewusstheitTaubheit

Menschen, die sich in diesem Stadium befinden, können keinerlei Gefühle oder Empfindungen wahrnehmen, selbst dann nicht, wenn sie unter dem Einfluss starker Emotionen stehen. Seltsamerweise sind sich Außenstehende der Gefühle solcher Menschen eher bewusst, als diese selbst. Auch wenn die Person ihre Empfindungen nicht spürt, können die anderen sie erschließen. Wenn man jemanden, der sich in diesem Zustand befindet, nach seinen Empfindungen fragt, wird er selbst unter dem Einfluss starker Gefühle nur von Taubheit und Kälte berichten. Das kommt daher, weil seine Gefühle eingefroren und daher seiner eigenen Wahrnehmung entzogen sind. Für diese Menschen ist eine emotionale Unbewusstheit der Normalfall. Es kann zu kurzen und heftigen Ausbrüchen führen, danach fühlen sie sich schuldbewusst, beschimpfen sich selbst und verwandeln sich wieder in einen funktionierenden Menschen. Gefühle sind zu befremdlich als dass sie zugelassen werden könnten.

Körperliche Empfindungen

In diesem Stadium fühlt der Betreffende zwar körperliche Empfindungen, die mit Gefühlen einhergehen, nicht aber diese selbst. In der Psychiatrie nennt sich das Somatisierung.

Menschen mit unterentwickelter emotionaler Kompetenz bekämpfen körperliche Symptome, die von Gefühlen ausgelöst wurden häufig mit Abhängigkeiten. Das hilft ihnen kurzfristig mit einem emotionalen Konflikt zurecht zu kommen. Natürlich ist der Konflikt damit weder aus der Welt geschafft, noch gelöst.

Rudimentäre Wahrnehmung

In diesem Stadium ist sich ein Mensch seiner Emotionen bewusst, erlebt sie aber lediglich als ein erhöhtes verstörendes Energiepotenzial, das nicht verstanden und in Worte gefasst werden kann. Diese Person ist durch Gefühle leicht anzusprechen, aber auch schnell zu verletzen, da ihr das tiefere Verständnis und die Kontrolle über ihre eigenen Empfindungen weitgehend fehlt. Menschen mit rudimentären Gefühlswahrnehmungen neigen eher zu unkontrollierten Ausbrüchen, impulsivem Handeln oder Depressionen als solche, deren Emotionen erstarrt sind und dadurch gänzlich ihrer Wahrnehmung entzogen.  Wenn eine Gruppe unter Stress gerät, dann sind es in der Regel diese Menschen, die als erste zusammen brechen.

Daraus ziehen manche Menschen den falschen Schluss, dass emotionale Bewusstheit und Ansprechbarkeit von Nachteil seien. In Wirklichkeit ist es so, dass auch in unserer emotional unterentwickelten Welt ein kompetenter Umgang mit Gefühlen und ihrem Informationspotenzial zu persönlicher Effizienz und Macht verhilft. Und das, weil ein Mensch mit hoher emotionaler Kompetenz weiß, wie Gefühle nötigenfalls kontrolliert werden. Das mag unmöglich sein in Situationen, in denen extreme Rücksichtslosigkeit und Gefühlskälte gefordert sind. Aber solche Situationen werden ja von jemandem mit emotionaler Kompetenz gerade vermieden.

Die Sprachbarriere

Nur in einem Klima, das emotionalen Informationen gegenüber aufgeschlossen ist, lässt sich die Sprachbarriere überwinden. Hat man es jedoch einmal geschafft, so stellt die Möglichkeit über seine Gefühle sprechen zu können, eine wichtige Grundlage für den bewussten Umgang mit ihnen dar.

In der heutigen Zeit wird es immer schwieriger, diese Fähigkeit zu erlernen, da viele von uns ihren (Arbeits)Alltag in engem Kontakt mit Maschinen statt mit Menschen verbringen. Dieser Kontakt ist auch nach Feierabend nicht zu Ende – Fernseher, Videospiele, soziale Medien online. Darin sehe ich auch eine große Gefahr der gesamten Weiterbildungslandschaft über digitale Medien.

Menschen die in dieser Isolation leben verlieren das Interesse an emotionalen Dingen und haben kaum Gelegenheit, ihre eigenen Gefühle zu analysieren.

Eine Analyse unserer Gefühle ist die Voraussetzung um aus emotionaler Taubheit, körperlichen Unbehagen und emotionalem Chaos herauszufinden und erfüllte Beziehungen zu anderen aufzubauen. Dazu braucht es eine Umgebung, die das Gespräch über Gefühle fördert und ermutigt. Wir brauchen Menschen, denen gegenüber wir uns öffnen können und die auch uns gegenüber offen sind – siehe Teil 2 der Unterlagen zu integraler Praxis.

Differenzierung

Dieses Stadium kennzeichnet bereits ein fortgeschrittenes Stadium zur Wahrnehmung unterschiedlicher Gefühle und ihrer Intensität sowie der Möglichkeit, sich mit anderen darüber zu verständigen. Emotionen wie Ärger, Liebe, Scham, Freude oder Hass können in ihrer Verschiedenheit wahrgenommen werden. Indem wir die Sprachbarriere passiert haben (für manche stellt sie eine regelrechte Mauer dar), wird uns zunehmend bewusst, dass wir häufig mehrere Empfindungen gleichzeitig spüren. Einige davon sind stark und nicht zu übersehen, andere aber sind versteckt und kaum wahrnehmbar. Einige halten nur kurz an, während andere uns begleiten.

Kausalität

Sobald wir die genaue Beschaffenheit unserer Gefühle zu verstehen beginnen, lernen wir auch ihren Ursprung besser begreifen. Wir sehen, welches Ereignis sie ausgelöst hat, warum wir mit intensivem Stolz oder Hass reagieren und woher unsere Ängste kommen.

Einfühlung

Indem wir unsere Emotionen allmählich unterscheiden können, ihre Intensität einschätzen und ihren Ursprung erkennen können, verfeinert und strukturiert sich unser Sensorium für die eigenen Gefühle, und gleichzeitig schärft sich unsere Wahrnehmung auch für die Gefühle anderer.

Einfühlung ist eine Art der Intuition für Gefühle. Den Neuling erstaunt diese Fähigkeit zunächst, scheint sie doch in einer Art siebtem Sinn zu bestehen und auf bedenkliche Weise dem Hellsehen verwandt zu sein. Mit Hilfe von Einfühlung können wir emotionale Signale von anderen empfangen und zwar auf einem separaten emotionalen Kanal.

Hier ist es wichtig, den Unterschied zwischen Einfühlung, Empathie und Sympathie zu erläutern:

Sympathie ist ein intellektueller Vorgang, bei dem wir uns die Gefühlsumstände anderer Menschen vergegenwärtigen und der uns dazu verhilft, zu verstehen und der uns hilft, zu verstehen, wie diese Menschen fühlen und agieren werden. Sympathie ist jedoch kein emotionales, sondern ein mentales Geschehen, das sich zur Empathie verhält, wie Malen nach Zahlen. Man kann die entsprechende Fläche mit den richtigen Farben ausfüllen und erhält dann ein Bild, ohne dabei emotional an dem Prozess beteiligt zu sein.

Empathie unterscheidet sich davon grundsätzlich. Sie lässt unsere eigenen Emotionen in den Prozess einfließen, so dass wir verstehen, was andere fühlen. Sympathie ist ein kläglicher Ersatz für Empathie.

Empathie lässt sich durch die Teilnahme an Aufstellung sehr gut schulen und ist oft erst ab der Ebene Spiral Dynamics grün möglich.

Sie ist jedoch die Voraussetzung zur nächsten Stufe der emotionalen Bewusstheit.

Emotionale Bewusstheit ist auch eine der Voraussetzungen, Konflikte wirklich nachhaltig und mit systemischer Kompetenz zu regeln.

Interaktivität

Der Einfühlsame ist sich eines komplexen Universums emotionaler Interaktionen bewusst, das andere zumeist gar nicht wahrnehmen, und diese Informationen können oftmals schmerzlich sein.

Wenn wir wissen, was andere empfinden, dann heißt das noch lange nicht, dass wir auch damit umgehen können. Das emotionale Verhalten anderer scheint eine Reaktion herauszufordern, aber oft ist die Reaktion gar nicht erwünscht.

Emotionale Interaktion erfordert ein Wissen darüber, wie Menschen auf die Gefühle anderer reagieren werden und wann diese Gefühle im Guten oder im Schlechten eskalieren könnten. Auch muss man einschätzen können, wie der einzelne auf Wut, Angst oder Trauer reagiert und wie er mit Sexualität, Freude und Optimismus umgeht – siehe dazu auch die Ausführungen zum Lebensdrehbuch.

Emotionale Interaktivität setzt ein Stadium höchster Bewusstheit voraus. Man muss nicht nur die eigenen Gefühle kennen und sich in andere hineinversetzen, sondern auch die Wechselwirkungen solcher Gefühle voraussehen.

Interaktive Bewusstheit beschäftigt sich damit, wie sich Emotionen zu neuen Verbindungen fügen, die aufgrund der Ausgangssituationen so nicht vorhersehbar waren.

So entsteht wirkliche Kommunikation!

Bewusstheit im Umgang mit Gefühlen heißt nicht nur, dass wir die Empfindungen in uns und in anderen registrieren, sondern auch lernen, sie aktiv für kreative Zwecke einzusetzen, anstatt sie unbeachtet zu lassen und womöglich von ihnen überwältigt zu werden………..innen und außen.

 

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