Es bleibt in der Familie

„Um das Ganze zu verstehen, muss man die Teile verstehen. Um die Teile zu verstehen, muss man das Ganze verstehen. Das ist der Zirkel des Verstehens.“

Ken Wilber

Sinnkrisen, Beziehungsprobleme, Karriereabbrüche, Geldprobleme, häufige und wiederkehrende Konflikte, der fehlende Mut den eigenen Weg zu gehen oder ihn gar nicht erst zu finden, Schwierigkeiten mit Führung, Stress und Burn-out-Thematiken sind oft die Folge von unerfüllten Lebensläufen, deren Muster bereits Generationen zuvor angelegt wurden.

Wir Menschen sind Wesen die in Gruppen leben. Wir leben, überleben und gedeihen in der Gruppe oder gehen in ihr zugrunde. Wir werden in eine Gruppe von Menschen hineingeboren und wachsen in ihr auf. Ohne die Familie könnte kein Baby überleben. Es würde verhungern, erfrieren und wäre den jeweiligen Umständen seiner Umwelt wehrlos ausgeliefert. Während wir heranwachsen sind wir abhängig von der Liebe und Fürsorge unserer Gruppe, unserer Familie.

Diese Familie ist die Quelle für die körperliche, emotionale und geistige Entwicklung des Menschen. Und unsere Psyche ist darauf angelegt, sich an diese Lebensvoraussetzungen anzupassen. Wir lernen in der Familie was angemessen ist und was nicht, wir lernen wie das Leben funktioniert und wir erhalten unsere Aufträge für das Leben aus unserem Familiensystem.

car-communication-3100980_1920Unsere Familie ist die Schablone, die uns formt. Sie bietet den Rahmen in dessen Grenzen unser Leben verläuft.

Dabei lernen wir nicht nur durch verbale Kommunikation. Viele Regeln und auch unsere Emotionen werden eher nonverbal übermittelt, durch Körperhaltung, Gestik, Mimik, Blick, Stimme und gewährten oder versagten Berührungen.

Aktuelle Forschungen zur Stressverarbeitung und Epigenetik haben ergeben, dass darüber weitaus mehr von einer Generation an die nächste weitergegeben wird als das, woran wir uns bewusst erinnern. Wir übernehmen aus Liebe Gefühle von anderen. Wir versuchen aus Liebe wahrgenommene Konflikte und Belastungen zu tragen und für unsere Eltern zu regeln. In uns stecken all die Erfahrungen unsere Vorfahren. Zudem entfalten wir auch  Loyalität und Zugehörigkeit häufig  nicht das Potenzial, das in uns angelegt ist, sondern bewegen uns oft weit unter unseren Möglichkeiten.

  • Frauen, die als erste in der Familie studieren und eine beruflich erfolgreiche Position begleiten leiden oft unter großer Unsicherheit, glauben, dass ihnen der Erfolg nicht zusteht oder leiden unter einer inneren Leere.
  • Männer, die sehr erfolgreich sind, doch irgendwie nie ankommen – in ihrem Leben, an einem Ziel, bei ihrer eigenen Familie. Sie versuchen etwas zu erreichen und wissen meist nicht einmal was.
  • Menschen, die immer wieder an den falschen Partner geraten. Beziehungen, die nicht lange halten. Oder Probleme, die sich wie ein roter Faden durch alle Beziehungen zieht.
  • Unternehmen und Führungskräfte, die immer wiederkehrende Konflikte haben
  • Unternehmen, die von einer Krise in die nächste schlittern und trotz bester Produkte und vorzüglichen Marketingstrategien, doch in kürzester Zeit wieder in der nächsten Krise stecken – oft ohne offensichtlich erkennbaren Grund.

Die  Zusammenhänge zwischen beruflichem Erfolg und Misserfolg reichen weit über unmittelbar einleuchtende und offensichtliche Ergebnisse hinaus. Die Zusammenhänge zwischen einem Leben das uns gut tut und einem Leben, das nicht so ganz unser eigenes ist werden selten unter die Lupe genommen. Menschen suchen oft jahrelang vergebens, die schnelle Methode, die fixe Erklärung, die nächste Strategie, das oberflächliche Wisch-und-Weg. Und doch tauchen recht bald die alten Probleme wieder auf – wenn auch manchmal in anderer Maskierung.

Die gesuchten Lösungsstrategien erinnern an eine Geschichte von Nasreddinstreet-lamp-392095_1920

Nasreddin hatte beim abendlichen Heimweg seinen Hausschlüssel verloren. Er suchte und suchte und konnte ihn einfach nicht finden. Seine ausführliche Suche erregte die Aufmerksamkeit seiner Nachbarn, von denen einige sich zu ihm gesellten, um ihm bei der Suche beizustehen. Doch auch ihre Bemühungen waren vergeblich, bis einer von ihnen Nasreddin fragte, wo ungefähr er glaube, den Schlüssel verloren zu haben. „Ach das war dort drüben!“ sagte der Mullah mit verblüffender Sicherheit und wies auf einen dunklen Winkel nahe dem Haus. „Und warum suchen wir dann hier?“ fragten die erbosten Nachbarn.

„Weil es hier hell ist“, erwiderte Nasreddin.

Viele Lösungsversuche beinhalten eine erfolglose aber bequeme Suche in bekannter Umgebung, eben dort wo es „heller“ ist.

Die Einflüsse aus der Herkunftsfamilie sind uns häufig nicht bewusst. Was sozusagen mit der Muttermilch aufgenommen wurde, stellt kaum mehr jemand in Frage. Auf unserer eigenen Reise durchs Leben tragen wir viele familiäre Erwartungen, Wünsche und Aufträge wie sperriges Gepäck mit uns herum.

Doch wir klammern das Thema Herkunftsfamilie meist aus. Zu persönlich, zu privat, zu schmerzhaft, passt nicht in den Kontext den wir oberflächlich wahrnehmen. Doch das greift zu kurz. Ein Symptom ist häufig nur etwas, das uns auf etwas viel tiefer liegendes aufmerksam macht.

Ich habe die Wirkung von Familiensystemen bei meinen Klienten oft erlebt. Da hat jemand eigentlich alles, was er für den Erfolg braucht – eine gute Ausbildung, den geeigneten Arbeitsplatz und er gibt sich auch alle Mühe – und erzielt dennoch nicht die gewünschten Ergebnisse. Andere bringen streckenweise einen enormen Einsatz und treten mächtig auf´s Gas – und blockieren sich doch gleichzeitig an anderer Stelle. Wieder andere nehmen Beratungen in Anspruch, schulden um, gewinnen im Lotto – und nicht lange Zeit später ist alles beim Alten. Woher kommt das? Haben diese Menschen selbstzerstörerische Tendenzen? Oder mangelt es am notwendigen Selbstvertrauen? Fehlt vielleicht der Biss?

russian-1861410_1920Wer nur die Oberfläche sieht kann das schwer verstehen. Im Untergrund gibt es aber Gesetzmäßigkeiten, nach denen ein solches Verhalten plötzlich Sinn macht. Bezieht man den familiären Hintergrund des Verhaltens mit ein, fällt es einem auf einmal wie Schuppen von den Augen. Wir alle tragen in uns das Erbe, der Generationen vor uns.

Der familiäre Hintergrund hat gravierende Auswirkungen auf Leistung, Geld, Führungsqualitäten und die innere Ruhe und Zufriedenheit, auf Stress und Wohlbefinden, auf Beziehungen und Partnerwahl.

Wenn es um Persönlichkeitsentwicklung geht oder auch in der Beratung oder im Coaching kann man das Verhalten und die Bewertungen des Erlebten einer Person nicht schlüssig erklären, wenn man ausschließlich die Person und sonst nichts betrachtet. Es darf nicht vergessen werden, dass sich diese Person in einem Situationszusammenhang befindet und es somit systemisch gesehen noch eine ganze Menge zusätzlicher Faktoren gibt.

 

In der Kindheit werden zwar die Würfel geworfen, aber als Erwachsene können wir die Karten neu mischen.

Das bewusste Aufspüren der Regeln der eigenen Herkunft kann sehr kraftvolle Veränderungsprozesse in Gang setzen, Blockaden lösen und oft ein ganz neues Licht auf die Frage werfen, warum wir an manchen Punkten in unserem Leben immer wieder die gleichen unsinnigen Entscheidungen treffen, die gleichen Fehler mache , die gleichen Schwierigkeiten oder belastenden Konflikte erleben.

Wenn wir aus unseren Verstrickungen heraus finden, unsere abgespaltenen Persönlichkeitsanteile integrieren, können unsere Gefühle wieder mit dem Strom des Lebens fließen, dann sind wir als Mensch nah an uns selbst. Erst dann sind wir verbunden und gleichzeitig frei.

Wenn du also in einigen Bereichen deines Lebens auf der Stelle trittst, dann lohnt es sich einen Blick in das Familiensystem zu riskieren.

Interessant in diesem Zusammenhang sind auch die Artikel über Gefühle und Ersatzgefühle und wie wir gelernt haben, was wir empfinden dürfen und was nicht. Sowie der Beitrag über dysfunktionale Familien.

 

 

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