Persönliche Reife, ein wichtiger Grundstein für gute Führung

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Geistige Haltung (Ruhe), nicht Technik, ist das Zeichen eines reifen Samurai.

Tsukahara Bokuden, 1489 – 1571

 

Aber was bedeutet Reife? Die amerikanische Psychologin Jane Loevinger hat ein 9 Stufiges Modell entwickelt, das die Ich-Entwicklung oder persönliche Reife sehr gut darstellt. Sie forschte über 40 Jahre darüber, wie wir Menschen uns entwickeln, uns selbst und die Welt wahrnehmen. Für sie ist das Ich keine feste Instanz, sondern eine Summe aus Strukturen und Mustern, die unsere Wahrnehmung steuern, auswählen, interpretieren und organisieren. Diese Muster unterliegen im Zuge der Entwicklung mehrfachen Transformationen, die zu einer immer größeren Bewusstheit führen.

Mich faszinierte dieses Modell, denn mir wurde bewusst, dass es dabei nicht darum geht, Wissen anzuhäufen oder bestimmte Fähigkeiten anzutrainieren, sondern dass sich unsere Strukturen des Denkens und Fühlens mit jeder Entwicklungsstufe erweitern und ganz neue Perspektiven eröffnen. Ebenso wie bei Spiral Dynamics spielt diese Entwicklung eine entscheidende Rolle dabei, welche Kompetenzen sich jemand überhaupt aneignen kann, was er sehen und bewirken kann. Zum Beispiel wie man sich selbst in Beziehung zu anderen setzt und wie man prinzipiell die Welt in seinem Kopf kreiert. Solche Aspekte unterscheiden sich von Stufe zu Stufe und werden im Zuge der Ich-Entwicklung immer komplexer und flexibler.

Mit jeder Entwicklungsstufe entsteht mehr Freiheit, sowohl von den eigenen Bewertungsmaßstäben als auch von den Bewertungen anderer. Ein Mensch kann dadurch lernen, bei sich zu bleiben, auch wenn die ganze Welt sagt „so geht das nicht“. Er kann auch gegenteilige Meinungen anderer akzeptieren und knickt bei Gegenwind nicht um, sondern prüft, inwiefern er die Meinungen anderer Menschen in sein Weltbild integrieren kann. Menschen mit zunehmender Ich-Entwicklung haben die Freiheit bei sich zu bleiben und gleichzeitig die Freiheit vor sich selbst.

 

Die Stufen im Einzelnen:

Die beiden ersten Stufen „Vorsozial“ und „Gefühlsbeherrscht“ lasse ich in der Beschreibung weg, da sie bei kaum einem Erwachsenen vorkommen.

E3 – Selbstorientiert

Der eigener Vorteil steht im Vordergrund, andere Menschen werden als Mittel zur eigenen Bedürfnisbefriedigung gesehen, weniger als Wert an sich, opportunistisches Verhalten anderen gegenüber.

Eher kurzer Zeithorizont, Focus liegt zumeist auf konkreten Dingen (weniger abstrakten Aspekten), Feedback wird meist zurückgewiesen, stark stereotypes Handeln, Auge-um-Auge-Mentalität, überwiegend externale Schuldzuweisungen.

E4 – Angepasst an die Gemeinschaft

Denken und Handeln sind vor allem an Regeln und Normen der relevanten Bezugsgruppen (Familie, Freundeskreis, Unternehmen) ausgerichtet, die eigene Identität wird durch diese definiert, Zugehörigkeit und Unterordnung unter deren Sichtweisen sind vorherrschend.

Gesichtswahrung ist zentral, starke Schuldgefühle, wenn Erwartungen anderer verletzt werden, Konflikte werden vermieden, Kontakte sind eher oberflächlich, es wird vorwiegend in Entweder-oder-Kategorien gedacht.

E5 – Selbstbewusst – rational

Orientierung an klaren Standards, sehr rationales Denken und kausale Erklärungen herrschen vor. Motivation, sich abzuheben von anderen. Feste Vorstellungen, wie Dinge sind und laufen sollen.

Beginnende Selbst-Wahrnehmung, Selbstkritik und Sehen verschiedener Perspektiven sowie Suche nach Motiven für Verhalten, eher enges fachliches Denken und Betonung von Effizienz statt Effektivität.

E6 – Pflichtbewusst

Voll entwickelte und selbst definierte (eigene) Werte, Vorstellungen und Ziele (ausgebildete Identität). Starke Zielorientierung und Selbstoptimierung. Die Welt wird dabei von Schwarz-Weiß zunehmend zu Graustufen und Schattierungen.

Komplexität von Situationen wird akzeptiert, reiches Innenleben, Gegenseitigkeit in Beziehungen, Respekt vor individuellen Unterschieden (eigener Schatten der Subjektivität wird häufig nicht gesehen).

E7 – Relativierende und individualistische Stufe

Beginnendes Bewusstsein darüber, wie die eigene Wahrnehmung die Sicht auf die Welt prägt, stärkeres Hinterfragen der eigenen Sichtweisen (und der von anderen Menschen). Relativistische Weltsicht.

Größere Bewusstheit gegenüber inneren/äußeren Konflikten und Paradoxien (ohne diese integrieren zu können), sehr individuelle/persönliche Art.

E8 – Systemische – autonome Stufe

Voll ausgebildete Multiperspektivität, gleichzeitige Prozess- und Zielorientierung, systemisches Erfassen von Beziehungen (Zirkularität). Fähigkeit, sich widersprechende Aspekte und Meinungen zu integrieren. Hohe Motivation, sich selbst weiter zu entwickeln.

Offene, kreative Auseinandersetzung mit Konflikten, hohe Toleranz für Mehrdeutigkeit. Hoher Respekt vor Autonomie anderer Personen und Aussöhnung mit eigenen als negativ erlebten Anteilen.

E9 – Integrierte Stufe

An kein explizites System (Werte, Einstellungen, Praktiken etc.) mehr gebunden, Erfahrungen werden laufend neu eingeordnet und in andere Zusammenhänge gestellt („reframing mind“). In hohem Maße selbstaktualisierend.

Kann Paradoxien integrieren, hohe Bewusstheit gegenüber eigenem Aufmerksamkeitsfokus, besonderes Gespür für Symbolik.

E10 – Fließende Stufe – diese Stufe wurde erst in den letzten Jahren hinzugefügt

Bedürfnis, Dinge und Personen zu bewerten, wird aufgegeben. Verschmelzen mit der Welt, kein weiteres Festhalten, sondern sich auf den Fluss der Dinge einlassen.

Spielerische Abwechslung zwischen Ernst und Trivialem, Ineinanderübergehen unterschiedlicher Bewusstseinszustände, Denken in Zeitzyklen und historischen Dimensionen, volles Akzeptieren von Andersartigkeiten und Menschen, wie sie sind

glasses-1042090_1920Man könnte sagen, mit jeder weiteren Entwicklung des eigenen Ich verändert sich die Brille durch die wir die Welt wahrnehmen.

Gerade für Coaches und Führungskräfte ist es wichtig, über einen breiten Hintergrund persönlichkeitspsychologischen Know-hows zu verfügen. Gerade die Übergänge in der Entwicklung zeigen oft Symptomatiken, die ohne eigenen Entwicklung und Kenntnisse innerhalb der Persönlichkeitsentwicklung fehl gedeutet werden können.

Bei der Arbeit innerhalb von Gruppen ist nicht jeder Teilnehmer auf dem gleichen Entwicklungsstand. Es kann vorkommen, dass drei bis vier verschiedene Entwicklungsstufen anzutreffen sind. Diese Menschen werden aufgrund ihrer eigenen Ich-Entwicklung ein unterschiedliches Selbstkonzept haben und die Themen des Trainings auf unterschiedliche Weise verarbeiten.

Wird in Trainings und Coachings immer nur auf eine Technik gesetzt und bleibt die Ich-Entwicklung außen vor, wird keine Technik auf lange Zeit wirklich wirkungsvoll sein.

Mir fällt dazu eine Führungskräftetrainerin Anfang 50 ein, die ich vor einiger Zeit in meinen Coachings und Trainingsprogrammen begleitet hatte. Nennen wir sie Julia. Sie nahm Kontakt zu mir auf, da sie in Gruppen immer wieder an ihre Grenzen kam und mit Feedback und der Dynamik innerhalb der Gruppen kaum umgehen konnte. Nach einiger Zeit Arbeit und Beobachtung von Julias Verhalten innerhalb der eigenen Ausbildungsgruppe fiel mir auf, wie sehr sie von positivem Feedback und der Anerkennung anderer abhängig war. Eine gegenteilige Meinung traute sie sich nicht zu äußern. Waren andere Gruppenmitglieder anderer Meinung, so nahm sie dies sofort persönlich und hatte das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben und sich rechtfertigen zu müssen. Selbst dann, wenn die Meinung frei innerhalb der Gruppendiskussion geäußert wurde und gar nicht an sie persönlich gerichtet war. Hätte nun Julia ein Training gebucht, bei dem es ausschließlich darum geht, gewisse Techniken einzustudieren, wäre der Stand ihrer eigenen Ich-Entwicklung nie berücksichtigt worden. Sie selbst ist eher in den Bereichen E4 oder auch Spiral Dynamics blau einzustufen. Einige andere Gruppenmitglieder waren sehr viel weiter in ihrer eigenen Ich-Entwicklung und Bewusstseinsstufe und recht offen, was Dynamik und Diskussion betraf. Julia darauf angesprochen und weiter mit ihr gearbeitet, stellte sich heraus, dass sie selbst das 6. Kind einer absolut überforderten Mutter war. Sie hatte für sich ein Lebensskript auf keinen Fall aufzufallen und die anderen (die Mutter) zu entlasten. Brav zu sein. Sich anzupassen. Zu gehorchen. Dieser Stand der Ich-Entwicklung macht es schwierig, Führungskräfte zu trainieren und zu coachen. Denn dazu gehört ein recht unabhängiges Standing und ein reifes Inneres, Widerstände auszuhalten, damit sich neues entwickeln kann. Julia konnte nun so intensiv an ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung arbeiten und künftig andere Ergebnisse erzielen.

Ein weiterer Fall, auf den ich kürzlich in einem integralen Forum aufmerksam wurde: Herr Schmitt hatte vor kurzem die Bereichsleitung der IT in einem Konzern übernommen. Aus Anlass des aktuellen Führungswechsels soll ein Coaching Herrn Schmitt unterstützen, diese Rolle recht schnell und effektiv auszufülle. Herr Schmitt ist seit 12 Jahren Führungskraft und hatte vorher ähnliche Stelen in mittelständischen Unternehmen. Insofern ist ihm der Wechsel in neue Führungspositionen vertraut. Er hatte sich den Ruf erarbeitet, klar zu führen und sich nicht zu scheuen, schnelle Vorgaben zu machen. Doch diesmal zögert Herr Schmitt mehr als in früheren Jahren. Es zweifelt, ob dies noch der richtige Weg für ihn ist und ob er andere Positionen nicht mehr einbeziehen sollte. Markus Meyer ist der Coach von Herrn Schmitt und schlägt vor, gemeinsam eine Situationseinschätzung zu machen, um daraus eine klare Position gegenüber seiner Abteilung ableiten zu können. Herr Schmitt findet dies sinnvoll, stößt sich aber im Verlauf des Coachings am strikten methodischen Vorgehen des Coaches, das wenig Spielraum für weitere Aspekte lässt, die ihm während der Bearbeitung in den Sinn kommen. Insbesondere das eigene Unwohlsein und Zweifeln bezüglich seiner Führungsrolle empfindet er als unangenehm, möchte diesem aber auch auf die Spur kommen. Seiner Meinung nach wurde dem nicht ausreichend Raum gegeben. Markus Meyer bedankt sich schnell, als Herr Schmitt das anspricht, und erklärt, dass es sehr wichtig wäre für einen Coachingprozess, sich gegenseitig immer wieder Rückmeldung zu geben, geht dann aber nicht weiter darauf ein. Um was es Herrn Schmitt genau ging, fand er nicht heraus, sondern spiegelt im Laufe des Coachings Herrn Schmitt, dass er auf ihn unsicher wirkt und rät ihm, als Führungskraft klar zu seiner Meinung zu stehen. Danach ergibt sich ein kurzer Dialog über die Aufgaben und Abgrenzungen seiner Führungsrolle, die in der nächsten Sitzung bearbeitet werden sollte.

Sicher ist diese Situation sehr verkürzt dargestellt. Doch Entwicklungspsychologisch gesehen, stehen der Coach Herr Meyer und die Führungskraft Herr Schmitt auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Während sich Herr Meyer auf einer frühen eigenbestimmten Stufe (E6) befindet, coacht er mit Herrn Schmitt einen Kunden, der dem Anschein nach den Schritt zu einer frühen relativierenden Stufe (E7) gemacht hat. Damit trennen die beiden zwar nur eine Stufe, entwicklungspsychologisch gesehen liegen jedoch Welten dazwischen. Herr Meyer als Coach befindet sich auf dem Weg zu einer eigenen Identität, die kritisch abwägend eigene Positionen findet und immer weniger von den Meinungen anderer abhängig ist. Herr Schmitt hingegen scheint auf dem Weg zu einer postkonventionellen und relativierenden Identität zu sein, die zunehmend eigene Positionen und Ansichten wieder in Frage stellt und andere Sichtweisen mehr integrieren will – ohne dabei die eigene Identität aufgeben zu müssen.

In diesem Fall werden die Themen des Herrn Schmitt viel zu früh auf das reduziert, was Herr Meyer kennt. Das Entwicklungsthema des Herrn Schmitt wird nicht erkannt, sondern als situative Unklarheit und Unsicherheit fehl gedeutet. Ebenso das Zögern und Schwanken von Herrn Schmitt wurde nicht als Folge der Neujustierung in der ihm noch unbekannten Entwicklungsstufe gesehen

 

In unseren Seminaren wird zu dem erforderlichen Fachwissen, intensiv an der eigenen Ich-Entwicklung gearbeitet.

Insbesondere in den Seminaren Coach the Coach und Train the Trainer. Ein weiterer Faktor der eigenen Ich-Entwicklung bietet der Umgang mit Philosophie in unserem philosophischen Salon, sowie in unseren Supervisionsgruppen.

 

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