Sozialkompetenz und das berühmte Bauchgefühl

Mit Sozialkompetenz verbinden viele Menschen die Forderung danach, eine Fähigkeit zu erlangen, sich so zu verhalten, dass es keine Widerstände seitens anderer Menschen mehr gibt. Oder auch die (richtigen) Worte oder Techniken zu finden, damit andere genau das tun, was von ihnen erwartet wird.

Andere sehen sich bereits vor jeder Ausbildung schon als Coach, da sie denken für die Probleme anderer Menschen bereits alle passenden Lösungen zu haben.

„Ich will ja nur den Schein“ entgegnete mir einmal eine Teilnehmerin, als ich sie nach der Motivation die sie mit diesem Berufsbild verbindet, fragte.

Wieder andere lernen Theorien auswendig, predigen sie anderen und das Verhalten im wirklichen Leben, liegt meilenweit, von den gepredigten Theorien entfernt. Ein falsch verstandener Satz, und die ganze Fassade bricht – oft in einem Mobbing hinten rum, statt in der Auseinandersetzung mit dem, was in dem Satz so tief getroffen hat.

Je unsicherer die Arbeitsplätze werden, je unsicherer das eigene Selbstvertrauen wird, im Konkurrenzkampf zu überleben, umso mehr scheinen Menschen alles zu konsumieren, was sich irgendwie mit dem Begriff der Kompetenz verknüpfen lässt.

Hauptsache es klingt gut und schenkt einen Schein (im doppelten Sinne des Wortes). Eine wirkliche Sozialkompetenz werden sie damit aber nicht erwerben. Ihre Angst vor Unterlegenheit werden sie damit nicht loswerden und ihre Überlegenheitsgefühle auch nicht.

„Ich habe mehrjährige Coachingausbildungen“ las ich kürzlich auf einem Profil eines mir bekannten Menschen. Blickt man tatsächlich hinter die Fassade, trügt auch dieser Schein. In Wirklichkeit bucht der betreffende seit mehreren Jahren lediglich Einführungskurse. In die Tiefe der Thematiken und die eigene Persönlichkeit, so wie das in einer mehrjährigen Ausbildung (bei der das eine auf das eine auf das andere aufbaut) passiert, wurde nie eingetaucht. Weder die Tiefenstruktur der einzelnen Schulen noch die Tiefenstruktur der eigenen Persönlichkeit wirklich reflektiert und erfasst.

desktop-3170198_1920Wer wirklich seine sozialen Kompetenzen schulen möchte, der muss schon die rote Pille schlucken und dem weißen Kaninchen folgen. Tief hinab steigen in den Kaninchenbau. Das heißt, sich intensiv im Rahmen einer Gruppe mit sich selbst und den eigenen Gefühlen auseinander setzen. Es reicht nicht aus, lediglich die Inhalte und Theorien kognitiv zu verstehen, auswendig zu lernen und wiederkäuen zu können. Und die Crux ist, erst wenn wir die Auseinandersetzung mit uns selbst und unseren Gefühlen wagen, wird sich der Inhalt der Theorien wirklich offenbaren.

Was lernen wir denn wirklich, wenn wir die rote Pille schlucken? Was hat es nun auf sich, mit der sprichwörtlichen Sozialkompetenz und dem Bauchgefühl.

Wir alle kennen mit Sicherheit Situationen, in denen der Gaul mit uns durchgeht. Reaktionen bei denen wir uns im Nachhinein fragen „Was war denn das gerade?“ Etwas fährt uns direkt in dem Bauch, löst negative Gefühle aus und wir schießen – ungefiltert, spontan – direkt aus der Hüfte. In solchen Situationen werden sogenannte Frozen Feelings getriggert. Alles kognitiv Gelernte ist mit einem Mal wie weggefegt und das verdrängte Gefühl gewinnt die Oberhand.

Dieses unangenehme Gefühl im Bauch, das aus längst vergangenen Situationen und den damit verbundenen negativen Gefühlen entsteht, lässt uns zu falschen Schlussfolgerungen kommen und nicht situationsadäquat reagieren.

Setzen wir uns mit diesen Frozen Feelings auseinander, erhalten wir die Möglichkeit wesentlich besser zu reagieren. Und als Draufgabe: Genau das, was man unter einem guten Bauchgefühl versteht – also die Wahrnehmung dessen, was in der Kommunikation noch mitschwingt.

Soziale Kompetenz bedeutet soziale Spannungen und damit auch Machtbestrebungen bei sich selbst, wie bei anderen wahrnehmen zu können. Denn durch Täuschung und Manipulation und der damit verbundenen (verbalen) Gewalt, verlieren wir viel Energie, die man besser einsetzen kann.

Eine Schulung in sozialer Kompetenz bedeutet in der Folge, genau damit besser umgehen zu können.

Mit uns selbst und damit zwangsläufig auch mit anderen.

Soziale Kompetenz heißt umgehen lernen mit Emotionen. Und das ist gerade für Führungskräfte, Coaches, Trainer oder erweitert, für jeden der mit Menschen arbeitet oder Kinder erzieht, eine der wichtigsten Fähigkeiten. Ein Coach der sich seinen eigenen Gefühlen nicht gestellt hat, wird kaum in der Lage sein, emotionale Reaktionen bei seinem Gegenüber wahrzunehmen und damit lösend umzugehen. Da mag er noch so viele kognitive Konzepte in seinem Kopf gespeichert haben, im Ernstfall werden diese ihn verlassen und er kann die Situation nicht handeln. Der Klient bekommt lediglich eine Fassadenpolitur, das Ursprungsthema bleibt weiterhin bestehen und wird sich in kürzester Zeit durch ein neues Problem bemerkbar machen.

Soziale Kompetenz heißt auch, Menschen durch ihren Widerstand begleiten zu können. Gerade dann, wenn es beginnt unangenehm, unbequem und schmerzhaft zu werden.

Doch die Reise dahin, beginnt immer und in erster Linie bei dir selbst.

Leave A Reply