Virginias Weltbild

Im Mittelpunkt der Arbeit von Virginia Satir standen nicht nur das Interesse Einzelnen und Familien zu helfen, sondern sie arbeitete auch mit einer großen Intensität daran, Philosophien zu entwickeln mit deren Hilfe sich die kritische Masse verschiedener Systeme von der Negativität weg zu positiven und wachstumsorientierten Strukturen hin verlagern ließen. Durch ihre Untersuchungen und ihre experimentelle Arbeit fand sie heraus, dass die meisten Anschauungen, von denen ausgehend man in der Vergangenheit versuchte, Menschen zu begreifen, irrelevant waren.

Sie war der festen Überzeugung, dass sich jeder Mensch auf der Welt, gleich unter welchen Umständen er leben mochte, verändern könne. Ihr war klar, dass der Mensch mehr vom Leben zu erwarten hatte, als nur mitzuhalten oder gerade eben zu überleben. Sie glaubte daran, dass die Menschen, das was ihnen zu erfüllen bestimmt ist, auch tatsächlich erfüllen können. Dass sie ihre Möglichkeiten auf positivere und effektivere Weise nutzen und sich mehr Möglichkeiten erschließen können um zu größerer Freiheit und größerer persönlicher Kraft zu gelangen.

Virginia Satirs Thesen handeln nicht von Pathologien, sondern von menschlicher Würde, Kraft und der Manifestation eines höheren Bewusstseinszustandes.

Ihre bedeutsamste Entdeckung war, dass Menschen sich ihres eigenen Wertes bewusst sein müssen, um glücklich leben und ihre Aufgaben zu ihrer eigenen Befriedigung sowie auch zur Zufriedenheit ihrer Umgebung erfüllen können.

Nach ihrer Ansicht sehen die Menschen die Welt entweder nach dem hierarchischen Modell oder entsprechend dem Wachstumsmodell. Dabei sind vier Bereiche für alle Menschen wesentlich:

  • wie sie eine Beziehung definieren
  • wie sie eine Person definieren
  • wie sie ein Ereignis erklären
  • und wie ihre Einstellung gegenüber Veränderung ist

hierarchy-73338Im hierarchischen Modell existieren Beziehungen nur in einer Form: Jemand befindet sich oben, ein anderer unten. Es handelt sich um eine Dominanz / Unterwürfigkeitsbeziehung und manchmal spricht man auch von einem Belohnungs-Bedrohungs-Modell. Diese Art von Beziehungen galt Jahrhunderte als die Norm. Oft ist die einzige Variable hinsichtlich solcher Beziehungen, ob der dominierende Partner bösartig oder wohlwollend und gütig ist. Dominanz- und Unterwürfigkeitsbeziehungen bewegen sich in einem Spektrum zwischen gefühllosen und freundlichen Tyrannen bzw zwischen unglücklichen und willfährigen Opfern.

Hierarchische Beziehungen werden oft in Form komplementärer Rollen beschrieben: Vater-Kind, Chef-Untergebener, Priester-Gemeinde, Lehrer-Schüler.

Gewöhnlich ist ein Teil dieser Rollen in irgendeiner Hinsicht überlegen, wobei diese Überlegenheit zum Wohle oder zum Schaden der untergeordneten Seite ausgespielt werden kann.

Wer immer sich in der unterwürfigen Position oder in der Position „unten“ befinden mag, ist verletzlich und könnte mit Attributen wie „klein“, „arm“, „Minderheit“ und dergleichen gekennzeichnet werden. Diejenigen die „oben“ sind, denken und handeln als ob sie „besser als“ oder „größer als“ wären.

Vielfach könnte man sagen, dass jede Beziehung dieser Art ein Entweder-Oder beinhaltet.

In hierarchischen Beziehungen tauchen Gefühle wie sinnlose Leere, Wut, Angst und Hilflosigkeit auf.

Menschen, die Beziehungen dazu benutzen, um andere zu dominieren, sehen ihre Mitmenschen unter dem Aspekt, ob sie sich ihren Vorstellungen anpassen und ob sie ihnen gehorchen.

Konformität ist das entscheidende Charakteristikum des hierarchischen Modells, in dessen Einflussbereich Menschen denken „Ich bin zu fett/dünn/dumm…..“ und indem sie das Gefühl haben, sie sollten anders sein, als sie tatsächlich sind. Wann immer wir das Gefühl haben, wir seien zu sehr etwas Bestimmtes und sollten anders sein, als wir sind, negieren wir unsere Persönlichkeit. Wir orientieren uns an einem äußeren Maßstab und wenn wir mit diesem nicht übereinstimmen, sind wir „nicht richtig“, wir „passen“ nicht. Meist bedeutet das nichts anderes, als dass wir glauben in eine Schachtel passen zu müssen, uns konformistisch zu verhalten und gehorchen müssen.

Auch heute noch werden Menschen während sie aufwachsen mit unzähligen Erwartungen von außen konfrontiert und ständig mit anderen verglichen. Die als verbindlich geltenden Standards und daraus abgeleiteten Bewertungen gibt es auf der persönlichen und familiären Ebene ebenso wie auf der politischen. Gewöhnlich fordern sie von uns, dass wir anders sein sollen, als wir tatsächlich sind. Viele von uns empfangen ständig Botschaften, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass wir nach den Vorstellungen dieser oder jener Autorität nicht passen und dass women-1263870_1920höchstwahrscheinlich irgendjemand anderer besser passt.

Unsere daraus resultierenden Bemühungen uns konform zu verhalten und zu gehorchen, wirken sich sehr schädigend auf unser Selbstgefühl aus. Wenn wir die Sichtweise akzeptieren, dass unser Wert von äußeren Faktoren abhängig ist, werden wir über lange Zeit versuchen, uns konform zu verhalten und dabei hoffen, aufgrund unseres Gehorsams akzeptiert zu werden.

Sich nicht von den Erwartungen anderer beeindrucken zu lassen, aber auch nicht dagegen zu rebellieren, und uns selbst zu finden, ist die wichtigste Aufgabe, die sich uns stellt.

Im hierarchischen Modell hängt die Definition der eigenen Person von den Regeln anderer ab.

Im Dominanz/Unterwürfigkeits-Modell, das sich auf Konformität und Gehorsam stützt, werden die Ereignisse auf lineare Weise erklärt. D.h. dass es immer nur eine einzige Möglichkeit gibt und nur eine einzige Ursache für eine bestimmte Wirkung. Im Rahmen dieser Denkweise, der zufolge nur jeweils eine Sicht der Dinge richtig sein kann, akzeptieren Menschen die von außen an sie herangetragene Erwartung, dass es nur eine einzige richtige Art gibt, die Realität zu sehen. Sie wenden sich einander zu, um diese eine Antwort auf eine bestimmte Frage oder diese eine Lösung zu einem bestimmten Problem zu finden.

Doch so sehr wir uns auch bemühen mögen, wir werden das „einzig Richtige“ natürlich nicht finden. Und obwohl jeder dies weiß, erwarten die meisten Menschen von uns, dass wir uns so verhalten, als ob wir ebenfalls an ihre Sicht vom „einzig Richtigen“ glauben würden.

Eine der Folgen ist, dass wir uns oft so verhalten als ob wir das, was wir tatsächlich sehen, nicht sehen würden, als ob wir das, was wir hören, nicht hören würden und als ob wir das was wir fühlen nicht fühlen würden. In dem Bemühen, das Ego eines anderen nicht zu verletzen, verhalten wir uns so, als ob das, was tatsächlich falsch ist, richtig wäre. Das ist sehr oft schwierig, was dann dazu führt, dass wir uns unsicher fühlen.

Statt nach einer einzigen Ursache Ausschau zu halten, müssen wir die interaktionelle Beziehung zwischen Ereignissen und innerhalb eines einzigen Ereignisses erkennen und anerkennen lernen.

Verschiedene Dinge geschehen und stehen in einer Wechselbeziehung zueinander; sie sind nicht linear verursacht (B allein verursacht nicht A). Außerdem sind Ereignisse mit ihrer Vorgeschichte, dem Ort des Geschehens sowie auch dem Zeitpunkt des Geschehens verbunden.

Statt die Aktionen, Reaktionen und Interaktionen von Menschen zu bewerten, können wir uns daranmachen, über die bloße Untersuchung der Oberflächenaktivitäten hinauszugehen und auch die Geschehnisse, die sich unter dem Offensichtlichen verbergen, in unsere Betrachtung einzubeziehen. Man kann ein Ereignis nur erklären, wenn man begreift, was im Inneren der Menschen vor sich geht, welche Prozesse sich in ihrem Inneren abspielen. Ereignisse geschehen nicht, ohne dass sie mit etwas anderem verbunden sind, entweder mit etwas Innerem oder mit etwas Äußerem, und meist handelt es sich um beides.

Wir können unser Verhalten deshalb als das Ergebnis der Wechselbeziehungen zwischen unserer inneren und unserer äußeren Welt verstehen.

Menschen die von der Dominanz/Unterwürfigkeitsbeziehung ausgehend agieren, die auf der Notwendigkeit von Gehorsam beharren und die nach der „einzig richtigen Antwort“ suchen, sehen Veränderungen als etwas Unerwünschtes an. Den Status quo aufrechtzuerhalten bedeutet natürlich, dass der Mensch sich nicht weiterentwickeln und nicht wachsen kann. Andererseits erzeugt es ein Gefühl der Sicherheit, die bestehende Ordnung zu erhalten.

Viele Menschen haben immer noch das Gefühl, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn sie von ihrem sicheren Status quo abweichen. Diese Einstellung Veränderungen gegenüber kann persönliches Wachstum und effektive Therapie erheblich behindern.

In der Ausbildung zum systemischen Coach gehen wir sehr intensiv auf die Arbeit Virginia Satirs ein.

 

 

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