Was ist systemisch?

„Der ethische Imperativ: Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen“

Heinz von Foerster

„Systemische Therapie“, „Systemische Beratung“, „Systemisches Coaching“ ist eine Sammelbezeichnung für eine bestimmte Art des Denkens und Handelns.

Die Systemtheorie ist Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre entstanden. Damals wurde zunehmend deutlich, dass das traditionelle lineare Ursache-Wirkungsdenken zur Lösung komplexer Probleme nicht ausreicht: Komplexe universe-782697_1280biologische Prozesse lassen sich nicht einfach aus einer Ursache erklären, sondern hier wirken verschiedene Faktoren wechselseitig aufeinander.

Als man begann „Probleme“ mehr und mehr als Bestandteil sozialer Systemstrukturen wahrzunehmen und nicht als „Eigenschaften“ einzelner Personen, wurde die Veränderung, die sich aus dem Perspektivwandel ergab z.T. als so dramatisch erlebt, dass sie als „Paradigmawechsel“ bezeichnet wurden. Gerade in der Psychotherapie wurden psychische Störungen nicht mehr als individuelle Prozesse gesehen sondern eng verbunden mit sozialen Prozessen.

Hinter der systemischen Therapie steht kein einzelner Begründer, sondern hier gibt es verschiedene Wissenschaftler und Therapeuten, die an der Entwicklung beteiligt waren. Schon in den Annahmen der Psychoanalyse finden sich Vorläufer für die Grundlagen der systemischen Therapie. Sigmund Freud hat der Familie in den Fragen der Psyche schon immer eine wesentliche Bedeutung beigemessen. Er war der Meinung, dass die psychischen Krankheitsanzeichen einer Person nur im Kontext der Rekonstruktion ihrer eigenen Eltern-Kind-Beziehungen verstanden werden können. Auch die Psychoanalytiker C.G. Jung und Alfred Adler entwickelten Ideen, die später von der systemischen Therapie aufgegriffen wurden. Adler hat z.B. bereits in den 1920er Jahren die Familien der Ratsuchenden in die von ihm betriebene Familien- und Erziehungsberatung einbezogen. Und viele der Pioniere der systemischen Therapie waren vor Beginn ihrer systemischen Tätigkeit psychoanalytisch tätig. Auch der österreichische Arzt Jacob Moreno, der in den 1920er Jahren die Therapiemethode des Psychodramas begründete, sah den Menschen und sein soziales Netz als eine unauflösliche Einheit. Einige systemische Methoden wurden in der Tradition der humanistischen Psychologie (im Sinne der personzentrierten Psychotherapie nach Carl R. Rogers) entwickelt, hier steht anders als bei der psychoanalytischen Sichtweise eher das Erleben im Hier und Jetzt im Vordergrund.

Ivan Boszormenyi-Nagy entwickelte ein Modell, das sich besonders auf intergenerationale Loyalitäten bezieht. Die Dynamik von Bindungen und Ausstoßung von Familienmitgliedern wurde gesehen unter der Perspektive, wie sich transgenerational „Konten und Vermächtnisse von Familien führen lassen und die Frage, ob ein Vermächtnis erfüllt wird oder nicht, wird als Kernfrage dafür angesehen, ob jemand aus dem System ausgeschlossen wird oder nicht.

Neben anderen war Virginia Satir wichtig für den sog. entwicklungsorientierten oder erlebniszentrierten Ansatz. Konzepte aus dieser Richtung orientierten sich an der Humanistischen Psychologie, einem optimistischen Menschenbild und der Menschheit selbst.

Die Entstehung der systemischen Therapie ist auch vor dem Hintergrund der Wissenschaftsströmungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu betrachten. Unter anderem Albert Einsteins Relativitätstheorie und die von Werner Heisenberg postulierte Unschärferelation ermöglichten einen neue Denkweise, bei der insbesondere die Beziehungen zwischen Objekten betrachtet wurde. Wechselseitige Abhängigkeiten und Beeinflussung unterschiedlicher Objekte rückten hier ebenfalls in den Vordergrund der Betrachtung.

Systemisch bedeutet, den Blick auf das soziale System zu lenken:

  • Welche Personen innerhalb des jeweiligen sozialen Systems sind für diesen Prozess bzw diese Situation relevant?
  • Was sind die subjektiven Deutungen, die ihr Handeln beeinflusst?
  • Welche sozialen Regeln bestehen?
  • Gibt es immer wiederkehrende Verhaltensmuster (Regelkreise), die zu Problemen führen?
  • Wie wird das System von der materiellen Systemumwelt beeinflusst? Wie ist die Abgrenzung gegenüber anderen sozialen Systemen?
  • Wie ist die bisherige Entwicklung verlaufen?

Daraus resultieren neue Lösungen:

  • Lassen sich Personen des Systems verändern?
  • Lassen sich subjektive Deutungen verändern?
  • Lassen sich soziale Regeln verändern?
  • Lassen sich bestimmte Verhaltensmuster ändern?
  • Lässt sich die materielle Systemumwelt verändern oder die Grenze zu anderen sozialen Systemen?
  • Lassen sich Entwicklungsrichtung und Entwicklungsgeschwindigkeit verändern – entweder, indem möglichst schnell bestimmte Veränderungen durchgeführt werden oder indem zunächst einmal Zeit gelassen wird?
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