Wenn Glück zum Dogma wird – ist es dann wirklich noch Glück?

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Bei Facebook vergeht kein Tag, an dem sie einem nicht entgegenspringen: Die Bilder ständig glücklicher und lachender Menschen.

Der neue Trend der psychospirituellen Szene reißt einiges aus seinen Zusammenhängen und ermutigt Menschen, alle Grautöne ihres Lebens auszuschalten und auf Dauerbunt, Dauergutgelaunt und Dauerglück umzuschalten.

Der Flow und die Happyness werden zum Dogma. Krisen werden weg gelächelt, weg geatmet, weg geklopft. Alles was sich mit Licht und Liebe beschäftigt ist gut und darf bleiben. Die Zwischentöne des Lebens gilt es zu ignorieren.

Ist das dann wirklich noch Glück, was dadurch im Leben der Menschen ankommt. Ist das wirklich Liebe, wenn zu allem lieb und nett gelächelt wird, mit einem schon manchmal erzwungen erscheinenden „Namaste“ aller Orten? Führt dieser neue, einseitige Trend nicht eher vom Menschen und einem wirklich authentischen Menschsein weg, als zu ihm hin?

Ich habe mich in meinem Leben mit vielen Philosophien beschäftigt. Vieles ausprobiert und mich eine Weile damit getragen. Ich bin mit Sicherheit kein Kind von Traurigkeit oder ein Freund der Melancholie und Depression. Nur, ich war recht früh in meinem Leben, mit vielen Herausforderungen konfrontiert, in denen diese Dauerglücksversprechungen wenig hilfreich waren. Mich lehrte es, zu differenzieren und die menschliche Komplexität zu begreifen.

Dass es nicht vorteilhaft ist, Glücksdenken zum Dogma erheben, mit dieser Erkenntnis stehe ich nicht alleine. Vor einigen Wochen stieß ich auf ein Buch von Jim Collins „Der Weg zu den Besten“

In diesem Buch versuchen Collins und sein Team gemeinsame Merkmale von großartigen Unternehmen zu finden, die mindestens 15 Jahre lang gute Unternehmen übertroffen haben. Einer der gemeinsamen Faktoren, den sie bei den großen Unternehmen fanden, war die Annahme des Stockdale-Prardoxons.

Das Stockdale-Paradoxon ist nach Admiral James Stockdale benannt. Er war während des Vietnamkrieges Offizier der US Navi und wurde fast 8 Jahre als Kriegsgefangener im berüchtigten „Hanoi Hilton“ gefangen gehalten. Wiederholt waren er und seine Kameraden Folterungen ausgesetzt und verbrachten Jahre in Einzelhaft, ohne jegliche Rechte und ohne die Gewissheit, ihre Familien je wieder zu sehen.

Als ranghöchster Offizier übernahm Stockdale die Verantwortung für die anderen Männer, die dort ebenfalls festgehalten wurden. Er hatte es zu seiner Aufgabe gemacht, alles dafür zu tun, dass seine Männer ungebrochen überleben konnten und gleichzeitig Widerstand gegen die vietnamesischen Versuche, die Gefangenen für Propagandazwecke zu benutzen, zu leisten. Er entwickelte eine Methode zur internen Kommunikation und führte ein Regelwerk ein, das seinen Männern Hoffnung und Ermächtigung gab. Er fand Wege, geheime Informationen an die US-Regierung weiter zu leiten.

Was ihn ausmachte: Er verlor nie den Glauben.

„Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich mich am Ende durchsetzen würde und die Erfahrung zu einem entscheidenden Ereignis in meinem Leben werden würde, die ich rückblickend nicht tauschen wollte“.

Soweit wäre die Dauerglücksindustrie wohl noch dabei.

Doch genau hier liegt das Paradox: Während Stockdale einen unglaublichen Glauben hatte, dass die Dinge funktionieren würden, sagte er, dass es immer die optimistischen Kriegsgefangenen waren, die es am Ende nicht schafften, lebend durchzukommen. „Sie waren es, die sagten: Wir werden Weihnachten draußen sein. Und Weihnachten kam und Weihnachten ging. Dann sagten sie: Wir werden Ostern draußen sein. Und auf Ostern folgte ein neues Weihnachten und am Ende sind sie an gebrochenem Herzen gestorben“

Was hatten die Optimisten vergessen? Sie versäumten es, sich der Realität der Situation zu stellen. Sie hofften, dass die Schwierigkeiten verschwinden und sich verändern würden.

Stockdale ging jedoch mit einer ganz anderen Denkweise an die schwierige Situation heran. Er akzeptierte die Realität seiner Situation, statt den Kopf in den Sand zu stecken. Er stand auf und tat alles, um die Moral seiner Männer zu heben und damit ihr Leben zu verlängern.

„Sie müssen den Glauben bewahren, dass sie sich am Ende durchsetzen werden, ungeachtet der Schwierigkeiten UND GLEICHZEITIG müsse Sie sich mit den brutalsten Fakten ihrer gegenwärtigen Realität auseinander setzen, wie auch immer diese aussehen mag.“

Der Schlüssel zu wirklichem Glück und wirklichem Erfolg und einem gelingenden Leben, liegt darin wirklich BEIDE Teile anzusprechen. Das Leben konfrontiert uns mit einer ganzen Reihe von Erfahrungen und dabei können wir es uns nicht leisten, Problemen aus dem Weg zu gehen, sie in rosaroter Watte verpackt schön zu reden und zu denken, über ein Dauerlächeln werden sie von alleine verschwinden.

Wenden wir das Stockdale- Paradoxon an, erfolgt wirkliches Wachstum. Und dieses Wachstum besteht aus zwei Schritten:

  • Stelle dich den brutalen Fakten deiner Situation

und

  • Entwickle und bewahre den Glauben an das Ergebnis

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