Wie kommuniziere ich richtig?

„Das größte Problem mit der Kommunikation, ist die Illusion, sie sei gelungen.“

George Bernhard Shaw

Vielleicht kennst du das: Du suchst nach den richtigen Worten. Du suchst die richtige Antwort. Du denkst, wenn du die richtigen Worte gefunden hast, dann wird der Andere dich auch richtig verstehen. Also genau so verstehen, wie du es gemeint hast, dass er genau weiß was du ihm sagen willst. Selbst viele Führungskräfte suchen und denken, face-65058_1920wenn sie die richtigen Worten gefunden haben, wird der andere die Anweisungen genauso ausführen, wie das gewollt ist – und das am besten auch noch: Sofort.

Nur, je mehr du suchst, je mehr Mühe du dir gibst, umso mehr stellst du fest, dass sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, missverstanden zu werden.

Wo kommt das her, dass so viele durch die Illusion geleitet sind, es gäbe genau die passenden und perfekten Worte, sich perfekt zu verständigen. Meine guten Argumente überzeugen mein Gegenüber sofort. Jeder potenzielle Kunde kauft aufgrund meiner stringent-logischen Begründungen. Aufgrund meiner rationalen Beweisführungen, springt meine Tochter sofort auf und räumt ihr Zimmer auf und mein Partner trägt hochmotiviert und von tiefen inneren Überzeugungen plötzlich durchdrungen, den Müll nach draußen. Eigentlich sollte doch jedem spätestens dann, wenn er sich auf das Abendteuer Kinder und deren Erziehung einlässt, klar sein, dass es diese perfekten Worte nicht gibt. Und hätten rationale Argumente diese Überzeugungskraft, sähe unsere Welt anders aus und es gäbe längst ein Wörterbuch, das DIE richtigen Worte und Anweisungen enthält, nach denen so viele suchen.

Ergo: Gehen wir dem Mythos Kommunikation mal nach:

In den meisten Texten zur Kommunikationstheorie tummeln sich seltsame Begriffe. Da ist die Rede von einem Sender, einem Empfänger, von Codes und Dechiffrierung. Die Begrifflichkeit ist eine technische und erinnert eher an militärische Szenarien als an zwischenmenschliche Gesprächssituationen.

Das klassische Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver (1949), auf dem die meisten – auch der aktuellen Bücher zum Thema gründen – kommt nicht etwa aus der Psychologie. Tatsächlich hat die Kommunikationstheorie ihre Wurzeln in der Ingenieurwissenschaft und der militärischen Nachrichtentechnik – eine Tatsache, die den wenigsten bekannt sein dürfte. Das Modell wurde von zwei Mathematikern, Claude Shannon und Warren Weaver entwickelt.

Shannon studierte Mathematik und Elektrotechnik und wurde 1941 von der Telefongesellschaf Bell als phone-735060_1920wissenschaftlicher Mathematiker eingestellt. 1948 veröffentlichte er im Bell Systems Technical Journal den Artikel „A Mathematical Theory of Communication“. Es ging hier um die Frage, wie man eine möglichst präzise Übermittlung von Nachrichten über elektronische Kanäle sicher stellen kann, Dieser Artikel wurde dann in Zusammenarbeit mit Warren Weaver 1949 zu einem Buch mit gleichem Titel erweitert. Dem Klassiker der Kommunikationstheorie.

Weaver war ebenfalls Mathematiker Während des zweiten Weltkrieges hatte er eine leitende Funktion im US-amerikanischen Office of Scientific Research and Development. Hier beschäftigte er sich unter anderem mit der sogenannten Kryptographie, der Verschlüsselungstechnik. Er befasst sich mit den Fragen, wie eine Nachricht so verschlüsselt werden kann, dass sie für den Feind, der den Funkverkehr abhört, unverständlich bleibt. Und wie sie trotzdem zuverlässig wieder dechiffriert werden kann.

Shannon und Weaver selbst beabsichtigten nicht, ihre Theorie auf die Kommunikation zwischen Menschen anzuwenden. Dass dies dennoch geschah, ist ein schönes Beispiel dafür, wie in der Vergangenheit Vorstellungen aus dem Bereich Technik vorschnell auf den Menschen übertragen wurden.

Mit der Übertragung von Überlegungen, die im Bereich der Technik ihre Gültigkeit haben, wird man dem lebenden Wesen Mensch und einer Kommunikation innerhalb von Systemen jedoch nicht gerecht.

Und egal wer, ob Führungskräfte, Trainer, Coaches, Eltern, Lehrer, Pflegekräfte, Pädagogen und viele mehr, werden bisher auf der Basis einer Kommunikationstheorie ausgebildet, die ihren Ursprung im zweiten Weltkrieg bei einer Telefongesellschaft und in einem Büro der Krypthographie hat.

Das führt dazu, dass mir bis heute Menschen begegnen, die nach den richtigen Worten, den richtigen Methoden, dem richtigen Hebel, der richtigen Motivation etc suchen – geleitet von der Vorstellung, wenn die richtigen Worte gefunden sind, wird der andere Mensch gefügig die Anweisungen erfüllen und funktionieren. (Übrigens eine sehr weit verbreitete Vorstellung vor allem in Spiral Dynamics Blau)

Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, dass bestimmte Methoden oder die richtigen Worte automatisch zu den gewünschten Resultaten oder gar zu persönlichem Wachstum führen.

Macht es dann überhaupt noch Sinn, sich mit Kommunikation zu beschäftigen?

Ja, und dabei schließ ich mich einer Aussage von Virginia Satir an

„Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn dies geschieht, entsteht Kontakt“.

Virginia Satir

Kommunikation leitet sich aus dem lateinischen „communicare“ ab, was übersetzt „in Verbindung stehen“ oder auch „teilnehmen, teilhaben lassen“ bedeutet.

Kommunikation ist in Wirklichkeit ein lebendiges Wesen

Wir begegnen uns in unseren zwischenmenschlichen Kontakten mit mehr als unseren gesprochenen Worten. Und auch mit wesentlich mehr als uns selbst über uns selbst überhaupt bewusst ist. Mit anderen Worten, wir begegnen woman-1369253_1920uns mit unserem gesamtem Eisberg – also all unseren Erfahrungen, Erwartungen, positiven wie negativen Glaubenssätzen und Prägungen, dem System in dem wir aufgewachsen sind und dem System in dem wir uns bewegen, unseren Werten und damit verbunden dem was uns wichtig und dem was für uns richtig ist. All das spielt im Kommunikationsprozess eine Rolle und wird diesen entscheidend beeinflussen.

Metaphorisch gesprochen verbindet uns im Kommunikationsprozess ein gemeinsames Wesen, das sich zwischen den Menschen bildet. Wir sind demnach nicht nur stets miteinander verbunden sondern auch immer Teil eines Prozesses, der sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Kommunikation besteht nicht darin, Botschaften zu senden und zu empfangen, sondern ist etwas, das die beteiligten Personen gemeinsam geschehen lassen und entstehen lassen. Menschen kommen in dem Sinne nicht als klar abgrenzbare Identitäten zueinander, sondern in Form von „Erfahrungswolken“ zwischen denen etwas Neues entsteht.

Das Zwischen im menschlichen Kontakt

Auch der jüdische Religionsphilosoph Manfred Buber hat sich mit dem Dialog zwischen Menschen befasst. ER unterscheidet das intensive Gespräch, insbesondere den „Echten Dialog“, vom alltäglichen Gerede. Das von Buber geprägte dialogische Prinzip ist definiert als eine Haltung, die geprägt ist von Präsenz und Respekt für den Anderen, von Offenheit und Absichtslosigkeit dem Anderen gegenüber bei gleichzeitiger Beibehaltung der Selbstwahrnehmung. Buber unterscheidet ICH-DU-Kommunikation von der ICH-ES-Kommunikation. Letztere bezeichnet das Gerede, bei dem sich Menschen nicht wirklich begegnen. Die ICH-ES-Kommunikation ist eine oberflächliche und schablonenhafte Kommunikation, die sich Floskeln und Klischees bedient. Menschen werden zu Objekten des Kommunikationshandelns degradiert.

Es gibt viele Beispiele für diese oberflächliche Art der Kommunikation: Statusspiele gehören dazu aber auch Diskussionen, in denen nur die eigenen Standpunkte verteidigt werden, ohne sich gegenseitig zuzuhören. Dazu zählen auch alle Situationen, bei denen der Gesprächspartner nicht meint, was er sagt wie z.B. oberflächliches Lob oder die rein formale Erkundigung nach dem Wohlbefinden.

Es kann zwar manchmal notwendig sein auf diese Form der Kommunikation zurück zu greifen – z.B. um ein gutes Vertragsergebnis herauszuschlagen. Für die langfristige Beziehungspflege ist sie jedoch unangebracht!

Dem Gegenüber zeichnet sich das echte Gespräch im Sinne Bubers (ICH-DU) durch die unmittelbare Begegnung aus, die alle Fassaden umgeht und in der sich beide Gesprächspartner als einzigartige Individuen erkennen. Das Zwischen der ICH-DU-Kommunikation ist durch eine Unmittelbarkeit gekennzeichnet, die den anderen nicht zum Objekt macht.

Der Zweck der Beziehung ist ihr eigentliches Wesen, das ist die Berührung des Du. Das Wesentliche eines wirklichen Gesprächs vollzieht sich nicht in dem einen und dem anderen Teilnehmer, noch in einer neutralen Welt, sondern im genauesten Sinn zwischen den beiden, gleichsam in einer nur ihnen beiden zugänglichen Dimension.

Nur durch eine ICH-DU-Kommunikation kann Co-Kreativität entstehen. Und das heißt lernen, sich einzulassen.fantasy-2368432_1920

Der Mensch als Erfahrungswolke

Begegnen sich zwei Menschen, so treffen nicht zwei unabänderliche und scharf abgrenzbare Kommunikationsidentitäten aufeinander, sondern viel mehr zwei Erfahrungswolken. Diese beiden Wolken nehmen Kontakt zueinander auf und tauschen sich aus – sie diffundieren, so wie sich zwei Gase vermischen. Die Kommunikationspartner nehmen dabei nicht naturgemäß die gesamte Wolke des anderen wahr. Die beiden Wolken zeigen sich jeweils keinen beliebigen Anteil des eigenen Selbst. Vielmehr gibt es eine bestimmte Verdichtung im Kontaktbereich. Dieser Ausschnitt ist nicht objektiv, sondern lediglich der aus der Wolke des anderen sichtbare Ausschnitt. Das bedeutet auch: Beide Wolken interagieren miteinander, die Wolke des einen ist nur durch die Wolke des anderen hindurch sichtbar – niemals unmittelbar.

Gute Kommunikation entsteht vor allem dann, wenn die beteiligten Personen sich möglichst umfassend aufeinander einlassen. Im Bild der Erfahrungswolke heißt das: Die Wolken diffundieren und erschaffen einen Raum geteilter Gegenwart. Wenn dieser Raum nicht entsteht, wird die gute Atmosphäre gestört – die Gesprächspartner reden aneinander vorbei, wirken abweisend oder distanziert und vertrauen einander nicht. Kommunikation und Beziehungen brauchen Vertrauen – auch im professionellen Kontext. Fehlt das Vertrauen, so wachsen die Missbildungen der Kommunikation: Misstrauen, Argwohn, Verschlossenheit, Distanziertheit, Dienst nach Vorschrift, das Zurückhalten von Erkenntnissen, mangelnde Kooperation sowie opportunistisches Verhalten.

Sich selbst kennen lernen und Wissen, was der andere in mir bewegt. Auf den anderen eingehen lernen, wirklich zuhören und zwar zuhören um zu verstehen und nicht um schnell zu antworten. Wissen wo man selbst in der eigenen Bewusstseinsentwicklung steht und wo der andere. Und sobald wir das mehr beachten, verstehen wir Motive und Einstellungen – von uns selbst und von anderen – besser und können wertschätzender darauf eingehen.

Diese Art Kommunikation zu sehen, kann man als integral bezeichnen. Sobald wir gelernt haben, uns darauf einzulassen, werden sich unsere Begegnungen mit Menschen vertiefen und Verbundenheit kann entstehen.

 

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